Textfunde zur Auswanderung in alten Büchern.
Die Texte werden in der Originalschreibweise wiedergegeben.

Aus dem Buch :
"Die Deutschen in Spanien und Portugal und  den spanischen und  portugiesischen Ländern von America."
(von 1850)


Die Colonie Sao Leopoldo, am Sinosflusse,  vier bis fünf Leguas nördlich  von Porto Alegre gelegen, wurde
am  ersten  Pfingsttage  1824  durch  die  Ankunft  acht  deutscher  Familien  und  einiger  unverheiratheter
Männer gebildet, deren Anzahl im Sommer und  Herbst  durch  neue  Ankömmlinge  um  ein  Bedeutendes
zunahm. Sie liegt in einer Ebene von ungefähr anderthalb geographischen Meilen im Umfange,  von wald-
bedeckten Bergen umgeben, durch welche die  Deutschen mit großer  Anstrengung Wege gebahnt  haben.
Bei  der  Anlage ist mehr auf die Handelsbequemlichkeit als auf Zuträglichkeit für die Gesundheit Rücksicht
genommen worden, doch ist schon viel dafür geschehen,  um den das Land  versumpfenden  Regengüssen
Abzug zu verschaffen. Diese Colonie nahm ursprünglich ein Gebiet von sechs bis sieben Geviertmeilen ein;
ihrer Ausdehnung nach Norden sind keine  Schranken gesetzt.  Der Sinos  ist einer der fünf Flüsse,  welche
bei  der Stadt Porto Alegre den Rio grande do Sul  bilden,  welcher dann durch den  See de los Patos  und
von  diesem aus  zwischen den  Städten San José und  San Pedro in den Ocean  geht.  Ende  1824  wurden
etwa  hundert  mecklenburgische  Sträflinge hier  angesiedelt  und achtzig  von den  300  Passagieren  des
berüchtigten Schiffes Germania, Capitän Hans Voß, von Hamburg,  an dessen Bord sich jene niemals  ganz
aufgeklärten Vorfälle ereigneten, daß um einer angeblichen  Meuterei willen sieben  von den  Passagieren
ermordet und über Bord geworfen wurden. Im folgenden Jahre wurden die schiffbrüchigen Reisenden  der
Fahrzeuge  Peter  und  Maria,   größtentheils  Norddeutsche  und  Rheinländer,   angesiedelt,   und  in  den
folgenden Jahren, besonders  seit  1829  in  Folge  der  Militärreduction,  die Colonie  durch  Ansiedler  und
ausgediente Soldaten  vermehrt,  so  daß  sie  im  Jahre  1830   4856  Bewohner  hatte  (819 Familien,  1053
Unverheirathete) und im Jahre 1834 eine Bevölkerung von 8000 gezählt haben soll. - Nach  der  Abdankung
des  Dom  Pedro I.  hörte jedoch die Einwanderung auf,  da die Kammer kein Geld mehr bewilligen wollte,
und im Jahre 1835 brach der republikanische Aufstand unter dem  Obersten Bento Gonsalvez de Silva  aus.
Auch   die   blühende  Colonie  wurde  in  das  allgemeine  Verderben  gezogen.  Raub,  Brand  und  Mord,
Verwüstung ihrer reichen Felder brach über sie herein; man schlug sich und wußte kaum wofür.  Nach fünf
Jahren   fortwährender   Unruhen  und   Krieg   wurde  endlich  auch  in  San  Leopoldo  die  Ruhe  wieder
hergestellt, doch hatte es, wie leicht  zu denken,  an seinem  Wohlstande ungemein gelitten,  obgleich  die
Colonisten so wenig als möglich an dem Streite Theil genommen hatten (vgl. Germania II. - 439). 
Die Bevölkerung war bis auf 5000 herabgesunken  und  gegenwärtig  erst  verwischen  sich  allmälig,  doch
mehr durch Industrie als durch Ackerbau,  die Spuren jener  Verwüstungen.  Nach  der  Unterdrückung  des
Aufstandes gingen die Brasilianer sehr glimpflich mit ihren Landsleuten um; deutsche Colonisten dagegen,
welche   nur   gezwungen  in   die  Reihen  der   Aufständischen   getreten  waren  und  sich  auf  die  erste
Aufforderung ergeben hatten, wurden in die Gefängnisse geworfen  und zum  Theil  nach  Africa  deportirt.
Viele andere zerstreuten sich nach Torres, Rio Pardo und Pellotas, indessen zählte S. Leopoldo 1843  doch
wieder 5283 Einwohner. - Am 16. Christmonat 1845  wurde  die Colonie vom Kaiser  von  Brasilien  besucht.
Zum   Empfang   desselben   rückten   150   berittene  Ansiedler  heran.  Vom  Anfang  der  Straße  bis  zum
Triumphbogen standen 100 weiß-gekleidete  Mädchen mit Blumenkörben in der Hand  und von hier bis  zur
Wohnung des Vorstehers der Ansiedelung, des Obersten  Hildebrand,  waren Knaben aufgestellt.  Eins  von
den Mädchen hielt eine  deutsche Anrede  an den Kaiser und  bei einbrechender Nacht sangen die  Kinder
unter   Anführung  des  Schulmeisters:  "Gott erhalte unsern Kaiser",   und  walzten  vor  den  Fenstern  des
Herrschers. In der Colonie ist ein Tanzsaal,  der fleißig benutzt  wird. -  Der  Zustand  der  Ansiedelung  war
damals  sehr  günstig.  Die  Bewohner  fanden  fast  ohne  Ausnahme  reichliches  Auskommen  und  waren
wieder  über  Rio di Janeiro  durch  120  neue  Ansiedler  vermehrt  worden.  Man  begann  den  Bau  einer
protestantischen Kirche, wozu der Kaiser ein ansehnliches  Geschenk beisteuerte,  aber  als  kurz  nachher
S. Leopoldo zur Stadt erhoben und ein Stadtrath eingesetzt  wurde, gingen  grade  von  diesem  Störungen
des Besuchs der evangelischen  Kirche  und Schule  aus,  welche  Hindernisse  nicht  ohne  Mühe  beseitigt
wurden,   ein  neuer   Beweis,  daß  durch  die  verdorbene  und  bigotte  portugiesische  Bevölkerung  alle
Bemühungen des aufgeklärten Regenten vereitelt  werden.  Da die Deutschen nämlich  das  ihnen  kürzlich
gemachte Anerbieten,  sie zu naturalisiren,  abgelehnt,  so  können sie auch bei Ernennung  der  Behörden
nicht mitwählen. So sind die Behörden von den portugiesischen  Bewohnern gewählt,  bestehen  bloß  aus
Portugiesen und  diese  Sprache ist  die  amtliche.  Der Stadtrath  (camera municipale)  hat  eigentlich  nur
die Verwaltung, maßt sich aber auch die Rechtspflege an und versieht eine so schlecht wie die andre.
Die Gerichtshöfe sind käuflich.  Die Behörden werden von den Deutschen  verachtet  und  betrachten  diese
hinwieder   mit   Mißtrauen.  -   Nach   dem   Unparteiischen   Urtheil   eines   französischen   Naturforschers
(Germania II. 429) verdankt man die Sicherheit dieser Gegend nur dem friedlichen und ehrlichen Charakter
der Deutschen, denn die portugiesischen Obrigkeiten  würden  wenig  darnach  fragen,  wenn  Fremde  auf
dem Felde gemordet und geplündert würden.  Die schlimmsten  Ruhestörer sind die kaiserlichen Soldaten,
welche von Zeit zu Zeit  in die Colonie geschickt werden,  um den Landfrieden zu schützen,  die aber mehr
gefürchtet werden,  als  Räuber und  Diebe,  denn  sie betragen steh nicht selten,  als ob sie in Feindesland
wären.  Dagegen  ist der  materielle Zustand erfreulich,  besonders auf  dem Lande,  wo die Deutschen  als
freie Grundbesitzer von je 400 Morgen Landes, ohne Verpflichtung zum Kriegsdienste und fast abgabenfrei,
unvermischt  beisammen  wohnen.  Die  Stadt   S. Leopoldo  gleicht   einem   deutschen  Dorfe.   An   einer
langen, mit Fußsteigen versehenen, aber  ungepflasterten  Straße  liegen  die  wohlgebauten  einstöckigen
Wohnhäuser, meistens Schenken,  Werkstätten und  Kaufläden,  einige  sogar  mit  Glasfenstern,  die  noch
eine Seltenheit sind,  mit einem Kalkbewurf und mit Ziegeldächern ausstaffirt.  Neben der  protestantischen
Kirche,   deren   Geistlicher   Hasbert   sehr   gerühmt  wird,   und   Schule  besteht   auch  eine  katholisch-
portugiesische.  Die meiste Pflanzennahrung  der Bewohner von  Porto Alegre kommt auf dem Sinos herab
von S. Leopoldo und  außerdem viele Kunsterzeugnisse,  denn die Landbauer,  welche zugleich ein  Hand-
werk verstehen,  finden  in  den  regnerischen  Wintermonaten  Zeit  zu  dessen  Ausübung.  Die  Deutschen
sammeln   die  Achate  und  Carneole,  welche  am  Flusse  Tacquary  vorkommen,  und  senden  sie  nach
Oberstein, von wo sie bearbeitet zurückkehren.  Die Waaren werden  in  verdeckten  Barken,  sogenannten
Lanchons,   von  den   deutschen  Bauern  nach   dem  Seehafen  gebracht.  Ueberhaupt  wenden  sich  die
Deutschen in neuerer Zeit mehr dem Schiffergewerbe auf  dem  Patossee  und  den  Nebenflüssen  des  Rio
grande zu und haben auf dem  Patos- und  Mirim-See und Pardofluß Dampfschifffahrt eingeführt.  Bei  Villa
Pardo bearbeitet jetzt ein Deutscher ein von ihm entdecktes Steinkohlenflötz.     
 (Vgl. Rudolstädter Auswanderungsztg. 1848. S. 305 )
Die Ausfuhr aus der Colonie an Natur- und Kunsterzeugnissen vermehrt sich bedeutend  und  hat  im  Jahre
1846  an   600  Contos  betragen   (1 Conto = 100 Milreis).  Im  Jahre  1845,   welches  noch  von  geringerem
Belange war, wurden 5455 Säcke Kartoffeln, 5322 Säcke Bohnen,  11,153  Säcke  Maniokmehl,  8936  Säcke
Mais, 393 Arroben ( 1Arrt. - 25 Pfund) Maté (Paraguay-Thee), 343 Arr. Butter,  1141 Arr. Speck,  4889 Fäßchen
Holzkohlen, 7736 paar Halbstiefel, 5315 Sättel, 99 größere  und  kleinere  Frachtwagen  u. s. w.  ausgeführt.
Der schon öfter erwähnte französische  Naturforscher fährt so in seiner Schilderung  der  Colonie  fort:  "Die
brasilianische Regierung  hatte für den  Wegebau  in  S. L. bedeutende  Summen  ausgeworfen,  aber  das
Geld ist in die Taschen der Beamten gewandert und die Wege sind  geblieben wie Gott sie erschaffen  hat.
Die Regierung befördert die Einwanderer unentgeltlich von  Rio de Janeiro bis zur Colonie, läßt ihr Gepäck
zollfrei passiren, gibt ihnen Ländereien und bewilligt  ihnen  für  die  ersten  zwei  Jahre  ihres  Aufenthalts
Unterstützungsgelder, von denen aber gleichfalls viel unterschlagen wird.  Die Freigebigkeit hat aber  auch
ihre guten Früchte getragen,  denn  die  deutsche  Niederlassung  ist  für  die  Provinz  Rio grande  do  Sul,
namentlich für die Handelsbewegung von Porto Alegre, von großem Nutzen.  Der  gegenwärtige  blühende
Zustand der Colonie ist die Frucht einer eisernen Ausdauer, eines Fleißes,  welcher wohl nur bei deutschen
Bauern   zu  finden  ist.   Keinen  größern  Gegensatz  gibt  es  in  dieser  Beziehung,  als  zwischen  diesen
Eingewanderten und den Brasilianern.   Diese  lassen ihre Sklaven  arbeiten und legen selbst die Hände  in
den Schooß;  bei den Deutschen dagegen  ist  die ganze  Familie thätig.  Nur sehr wenige Deutsche  halten
Sklaven,  welche sehr  gut behandelt werden und mit  der Familie des  Herrn arbeiten.  Allerdings wäre  es
besser  gewesen,  die  Sklaverei  wäre  der  Niederlassung  fern  geblieben;  allein die Schwierigkeit,  freie
Tagelöhner zu  erhalten,  hat  einigen  Ansiedlern  den  Erwerb von  Sklaven zur Nothwendigkeit  gemacht.
Uebrigens kann man sich denken,  was ein solcher Fleiß  in  einem  winterlosen  Klima  auf  einem  Boden,
der jährlich zwei Ernten gibt, zu schaffen vermag. Dieses neue Klima,  dieser  fremde  Boden  hat  übrigens
bereits auf deutschen Ansiedler, welcher im  Allgemeinen  das  Gepräge  seiner  Nationalität  sich erhalten
hat, einen gewissen  verändernden Einfluß ausgeübt.  Er hat jene Stupidität des Elends,  welche  so oft  die
Physiognomie   des  von  harter  Arbeit   und  Dürftigkeit  niedergedrückten  deutschen  Bauers  bezeichnet,
verloren; die jungen Leute,  besonders die in voller Freiheit unter dem Einfluß einer schönen  jugendlichen
Natur aufgewachsen sind, haben durchgehends eine Körperbildung von bemerkenswerther Schönheit  und
einen unternehmenden, energischen Charakter. 
Sie sind nicht allein gute Arbeiter,  sondern  auch  vollendete Reiter und sichere Schützen,  die  den  Lasso
und die Flinte nicht minder geschickt  handhaben  als die Axt.  Ihre  Haltung  ist  gemessen  und  würdevoll
und durchaus frei von jener blöden  Unbeholfenheit  und  Unterwürfigkeit,  welche man bei ihren  Standes-
genossen in Europa und  auch  bei  den  eben  erst  gelandeten  Einwanderern  noch  findet.  Die  letzteren
sieht man häufig, wie sie  mit  plumper  ungelenker  Haltung,  in  groben  und  schwerfälligen  Kleidern,  in
Holzschuhen und Nagelstiefeln, mit  dem  Knotenstock  in  der  Hand  dahinschreiten,  verdutzt  über  Alles,
was   sie  sehen  und  verblüfft  durch  die  fremdartigen  Schwierigkeiten,  die  ihnen  entgegentreten.  Die
jungen   brasilianischen   Deutschen   dagegen  sieht  man  auf  der  Straße  nie  anders  als  zu  Pferde,  in
wohlanstehender  Kleidung,  schlank  von  Wuchs,  in  leichter,  stolzer  Haltung,  welche  verräth,  daß  sie
sich ihrer Unabhängigkeit bewußt sind! - Die  geistlichen  Zusammenkünfte  der  Ansiedler,  welche  immer
sehr zahlreich besucht  sind,  bieten  einen  anziehenden  Anblick  dar.  Jedesmal,  wenn  Gottesdienst  ist,
ziehen   von  allen   Seiten  zahlreiche  Cavalcaden  nach  dem  Sammelplatze,  welcher  gewöhnlich  auf
einem   von  Bäumen  freien   Hügel  liegt.   Alles  erscheint  dort  zu  Pferde  in  sonntäglichem  Staat;  die
Predigt   wird   mit   großer   Andacht   angehört   und   hernach   zerstreut   sich  der   belebte   Zug  in  die
verschiedenen Pfade, welche über Hügel und durch Gehölze nach den Wohnungen zurückführen. 
Dieser kirchliche Sinn bewahrt die guten Deutschen übrigens nicht vor  einer ausgelassenen Vergnügungs-
sucht Sehr häufig  wird  in  den  Ventas  (Wirthshäusern)  bei  herzlich  schlechter  Musik  auf  das  Wildeste
getanzt und  Alt  und  Jung  gibt  sich  diesem  Vergnügen  mit  großem  Eifer  mehrere  Tage  lang hin. Bei
solchen Gelegenheiten gönnen  sich  die  Tänzer  nur  wenige  Stunden  Ruhe  unter  freiem  Himmel  oder
offenen Schoppen. Durch  übermäßiges  Zechen  werden  auch  nicht  selten  Schlägereien  veranlaßt.  Die
große Gastfreiheit, welche in der Ansiedelung herrschte, hat durch vielfachen Mißbrauch von Seiten  neuer
Einwanderer,  welche solange,  bis sie selbst eingerichtet waren,  ein freies  Unterkommen  fanden,  etwas
abgenommen. - Nach der Lage und dem jetzigen Zustande der Colonie  darf  man  ihr  eine  große  Zukunft
vorhersagen, falls  sie  von  weitern  Kriegsverheerungen  verschont  bleibt.  Das  ihr  zugewiesene  Gebiet
genügt noch auf viele Jahre den Bedürfnissen  der  jährlich  zuströmenden  deutschen  Einwanderung  und
man kann auf die zukünftige Bedeutung dieser Bevölkerung schließen,  wenn man den undurchdringlichen
Urwald mit der blühenden  Colonie vergleicht,  welche schon jetzt,  ehe  ein Menschenalter  verflossen,  an
seine Stelle getreten ist.  Wenn  die Deutschen von S. Leopoldo  sich  abgesondert  halten,  wie  sie  bisher
gethan, so werden sie lange, vielleicht immer,  ihre Nationalität bewahren und mit derzeit den  wichtigsten
Theil der Bevölkerung von Rio grande do Sul bilden.
(Vergl. auch C. von Lede, de la Colonisation du Brésil. Bruxelles 1843. S. 366.)


                                                                        Missione
Mit diesem Namen bezeichnet man die  unter  dem  28, und  29.  Grad  Südbreite  auf  dem  von  dem  Icui,
Pirutunim  und  Icubucnam  durchschnittenen  Districte  der  Provinz  Rio grande do Sul  von  den  Jesuiten
angelegten   sieben  Städte  S. Angelo,  S. Nicolas,  S. Luiz,  S. Lorenzo,  S. Joao Baptisia,  S. Miguel   und
S. Borgo, welche, nachdem sie segensreich zur  Civilisation der Indianer gewirkt,  durch  die  nachbarliche
Eifersucht der sehr gläubigen Mächte Portugal und Spanien zerstört wurden und  jetzt fast nur  noch einige
zuweilen benutzte Kirchen und leere Klostergebäude, welche die  Milde des  Klimas und ihre feste  Bauart
wunderbar erhalten,  aufzuweisen hat.  S. Borgo  zur  Zeit  seiner  Blüthe mit  30,000  Menschen  bevölkert,
zählte 1824 nur noch 27 Einwohner.  Der Boden der  Missiones ist herrliches Weideland,  reich an  Bauholz,
an trefflichem  Paraguaythee und  von  schiffbaren  Strömen bewässert.  ---  Im  Jahre  1823  nun  hatte  die
brasilische Regierung mit der mecklenburgischen  eine  Uebereinkunft  geschlossen,  gegen  eine  Zahlung
von 10 Thlrn. auf den Kopf die Gefangenen der mecklenburgischen Zucht- und Arbeitshäuser als  Ansiedler
in Brasilien zu  übernehmen.  Das Schiff  "Georg Friedrich" - führte  einige  Hunderte  derselben  über,  von
denen etwa 100 nach S. Leopoldo,  andre  nach andern Colonien geschickt,  der  Rest  unter  die  Soldaten
gesteckt wurde.  Da  ihre  Unverbesserlichkeit aber schon bei der  Landung in  Porto Alegre  sich  kundgab,
ihre Ausschweifungen,  ihr Betteln und  Stehlen  bei  den  Bewohnern  des  Hafens,  welche  sie  freundlich
aufgenommen, nicht nur ihren eignen ("Mecklenburger" wurde  zu  einem  Schimpfnamen),  sondern  aller
deutschen Einwanderer Credit zu untergraben  drohte,  so  beschloß  man  die  schleunige  Entfernung  der
übeln   Gäste.  Pinheiro   ließ  die  umherstreifenden   Sträflinge  eines  Tags  plötzlich  alle  ergreifen  und
aufheben,   wobei  allerdings  mancher  Unschuldige  unter  die  Rotte  gerathen  seyn  mag,  und  schickte
ungefähr 100 Menschen  mit  einer  militärischen  Bedeckung  unter  der  Aufsicht  des  Obersten  Carneiro,
welcher zum Statthalter der zu begründenden  Colonie ersehen war,  in jene Missiones  nach  der  Gegend
von S. Joao und S. Miguel, um dort auf einem bedeutenden, zu dem Ende  überwiesenen  Landstriche  das
neue  Werk  zu  Stande  zu  bringen.  Ende  Novembers  zogen  sie  von  Porto  Alegre  ab  und  fuhren  bis
Villa do Rio Pardo  auf  dem  Flusse.  Von dort aber bis zum Orte  ihrer  Bestimmung  wurde  die  Reise  zu
Lande  gemacht.  Wer  es  vermochte,  mußte  zu  Fuß  gehen;  Kinder,  Alte  und  Schwache   wurden  auf
schwerfälligen    Ochsenkarren   fortgeschleppt.    Carneiro   mit   seinen   Lastthieren,    welche   die    den
Colonisten bewilligten Unterstützungen an Lebensmitteln und einigen Geräthen und seine Effecten  trugen,
ritt nebenher.  Das Ganze mag im  Kleinen dem Zuge  der Kinder  Israel  nach dem  gelobten  Lande  nicht
unähnlich gewesen seyn. - Nach einem unendlich langen, beschwerlichen Marsche,  dessen Mühsale  man
sich   einigermaßen   wird   vergegenwärtigen   können,  wenn  man  bedenkt,  durch  wie  öde,  fast  ganz
menschenleere Strecken er führte, erreichten sie denn endlich das zur neuen Heimat  ihnen  angewiesene
Land, die Gegend von S. Joao und S. Miguel.   Eine große,  unabsehbare Steppe,  mit  fünf  bis  sechs  Fuß
hohem, harten Grase bewachsen und an  den  Flüssen  und  Bächen  mit  12 - 15 Fuß  hohen  Schilfen  und
Binsen bewachsen, dehnte sich vor ihnen aus; in dem  Binsenwalde  hatten  sich  eine  Menge  Raubthiere
versteckt, aber auf 10 - 12 Meilen  im  Umkreis  war  kein  menschliches  Wesen  zu  entdecken.  Nur selten
einmal erschienen ein paar  herumschweifende  Indianer auf  ihren  wilden  Pferden,  die  ebenso  schnell
wieder verschwanden.  Hier nun sollten sich die Armen,  Ermatteten,  welche auf der  langen,  mühevollen
Wanderung   ihre  früheren   Ausschweifungen  schwer   genug  gebüßt  hatten,   ansiedeln;   ermüdet  und
entkräftet, entblößt von allen Hülfsmitteln, ohne Obdach, ohne Nahrung, die ärmliche Kleidung von Dornen
und   Büschen   zerrissen,   die   Nahrungsmittel   auf  der  Reise  verzehrt,   die   Werkzeuge  größtentheils
unbrauchbar geworden, - so standen sie  hülf- und  rathlos  in  einer  unwirthlichen  Wildniß.  Eine  kräftige
Leitung hätte der Sache  vielleicht  noch  eine  günstige  Wendung geben können,  da von der  Provinzial-
regierung von  Rio grande do  Sul  für  die ersten  Anfänge  auch  einige  Geldzuschüsse  bewilligt  worden
waren, aber der Statthalter Carneiro, anstatt sich  seines  Amtes  thätig  anzunehmen,  begnügte  sich,  den
Ansiedlern   den   Landstrich  als   Eigenthum  zuzuweisen;  sie  sollten  ihn  anbauen,  sich  Häuser darauf
errichten, die herumschweifenden Rinder und Pferde einfangen oder erlegen,  Alles ohne Werkzeuge  und
Sämereien, ohne Pulver und Blei.  So verließ er die Colonisten  und  ging  nach  S. Borgo  (S. Francisco de
Borja), wohin er die verwilligten Unterstützungen,  etwa 23,300 Fl., mitnahm,  ohne ihnen nur das mindeste
Geld zurückzulassen.  Man  denke  sich nun  die Lage der betrogenen Ansiedler!  Niemand  wußte, was  er
beginnen, wie er nur den nothwendigsten Bedürfnissen  abhelfen sollte.  Die  vollkommenste Verzweiflung
bemächtigte sich aller;  sie sehnten  sich nach den Zuchthäusern zurück,  wo sie doch vor dem Hunger und
den   wohl   übermäßig   gefürchteten   Raubthieren   geschützt   waren.  Sie  zerstreuten  sich  nach   allen
Gegenden. Viele, nachdem sie wieder in bewohntere Gegenden gekommen waren, fingen ihr altes  Leben
von   Neuem   an,   wahrsagten   aus   Karten,   bettelten  oder  stahlen  und  schlugen  sich  so,  unter  den
wunderlichsten Fahrten und Abenteuern, durch bis- S. Joao, S. Miguel, Saltos und selbst nach Montevideo.
Die meisten kamen jedoch nach Porto Alegre und nach  S. Leopoldo zurück, wo sie endlich,  durch  solche
Erfahrungen und Schicksale gewitzigt, ruhige und größtentheils  brave  und  nützliche  Colonisten  wurden.
Nur eine Familie Schmidt blieb  in jener Gegend der  Missiones.  Sie  befreundete  sich  mit  nachbarlichen
Indianerstämmen, welche sie aufsuchten und in der ersten Zeit Fleisch brachten.  Diese nahmen  sich auch
gewissermaßen der Erziehung  der Kinder an,  nahmen  die  Knaben  auf  ihren  Streifzügen  mit  sich  und
bildeten sie zu tüchtigen Pampasreitern.  Durch Ackerbau und Viehzucht ist die Familie Schmidt  im  Laufe
der Zeit zu einem ziemlich beträchtlichen Wohlstande gelangt.